Interview © AK Burgenland, AK Burgenland
Psychologin Mag. Daniela Plohovits-Kittelmann © AK Burgenland, AK Burgenland

Gesund durch die Krise

Seit mehr als einem Jahr dominiert das Coronavirus unseren Alltag: Wir wurden dazu aufgerufen, unsere sozialen Kontakte massiv einzuschränken, hantelten uns von Lockdown zu Lockdown, betrieben Home-Schooling und Home-Office und mussten auf viele Aktivitäten, die uns Freude machen, monatelang verzichten. Teilweise gibt es immer noch Einschränkungen. Viele Menschen bangen noch immer um ihren Job oder haben diesen bereits verloren und müssen mit enormen finanziellen Einbußen zurechtkommen. Hinzu kommen bei vielen Sorgen um ihre eigene Gesundheit, sowie um die von Menschen, die ihnen nahestehen. Psychologin Mag. Daniela Plohovits-Kittelmann im Interview.

Wie wirkt sich das alles auf die menschliche Psyche aus?

Eine aktuelle Tiroler Studie zeigt schon konkret das Ausmaß der Krise für Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren. 23 Prozent der befragten Kinder leiden unter Belastungssymptomen – in Wahrheit jedes vierte Kind. Zum Vergleich waren es zu Beginn der Pandemie im März 2020 nur sechs Prozent. Wir sind mit einer massiven Steigerung konfrontiert. Und diese haben wir auch bei den Jugendlichen und den Erwachsenen. Konkret sprechen wir hier von massiven Steigerungen bei Depressionen, Schlafstörungen, Angststörungen, Essstörungen. In diesem Bereich explodieren die Zahlen. 

Wie überstehen wir die Zeit des Abstands zueinander? Wie schaffen wir es, mit unseren Ängsten umzugehen? Was kann man tun, um gesund durch die Krise zu kommen? Welche Tipps haben Sie?

Entscheidend für den Umgang mit dieser Krise und all ihren Effekten ist die Resilienz. Kurz: Wie hoch ist meine Widerstandfähigkeit? Wie kann ich mich am besten an eine derartige Katastrophe anpassen? Wie geht man damit um? Je besser meine Widerstandfähigkeit ist, umso besser kann ich derartige Ausnahmesituationen gut bewältigen. Aber es gibt auch Möglichkeiten die Resilienz zu fördern. Hier gibt es drei große Anhaltspunkte. Die erste große Überschrift lautet: Ich habe. Zum Beispiel: Ich habe Menschen um mich, die mich lieben, die mich ernst nehmen, die meine Gefühle ernst nehmen. Man neigt dazu die Ängste von Kindern damit abzutun, zu sagen: Du brauchst keine Angst haben. Es ist ganz wichtig diese Gefühle ernst zu nehmen. Und genau das Gefühl Menschen um einen zu haben, die einen lieben, einen ernst nehmen etc. stärkt die Resilienz. Was gehört noch dazu? Neben lieben Menschen, helfen vor allem Rituale und Strukturen. In einer Zeit der Umbrüche und der stetigen Veränderung fallen diese weg, daher sollten wir in den eigenen vier Wänden versuchen wieder Routinen und geregelte Abläufe reinzubekommen. In den vergangenen zwei Jahren haben wir alle ganz viel Sicherheit verloren. Damit geht eine extreme Verunsicherung einher. Darum ist empfehlenswert so weit wie möglich altbekannte oder auch neue Routinen in den Alltag zu integrieren.

Sie haben von drei großen Überschriften gesprochen. Was sind dir zweiten und dritten, um meine Widerstandsfähigkeit zu stärken?

Der zweite große Punkt ist: Ich bin. Da kommen Sätze wie „Ich bin liebenswert!“ Hier gilt es sowohl bei Kindern und Jugendlichen aber auch bei Erwachsenen die bedingungslose Liebe im Auge zu haben. Nicht die Person zu kritisieren, sondern das Verhalten. Es braucht hier die Trennung von Person und Verhalten. Also nicht zu sagen ich halte dich nicht mehr aus, sondern ich halte dein lautes Schreien nicht mehr aus. Ich kann formulieren, was mich am Verhalten stört, aber es darf die Person nicht entwertet werden. Die Entscheidung zwischen Person und Verhalten ist ganz wichtig. In derart turbulenten Zeiten braucht man das Gefühl bedingungslos geliebt zu werden, auch wenn das Verhalten nicht immer in Ordnung ist. Der dritte große Punkt ist: Ich kann. Ich kann Probleme lösen. Sich selbst bewusstmachen, wie bin ich mit Problemen in schwierigen Situationen umgegangen. Welche Ressourcen und Erfahrungen habe ich dabei? Hier ist es essentiell, einen Konflikt nicht tot zu schweigen und nicht mehr versuchen zu klären, sondern sich konstruktiv damit auseinanderzusetzen. Die bewusste Erfahrung machen, dass ich Probleme lösen kann. Und dann bei Kindern unter anderem auch das Lösen von Problemen zu loben.

Jetzt haben wir Tipps wie wir unsere Resilienz stärken können, aber was wenn das nicht gelingt und man in eine Depression schlittert? Was muss bzw. soll ich dann tun?

In jedem Fall Hilfe holen. Professionelle Hilfe darf hier nicht ausbleiben, denn diese Hilfe kümmert sich dann um die Depression. Oft versuchen Familienmitglieder die Depression wegzureden, gute Tipps zu geben. Doch diese guten Tipps sind hier fehl am Platz. Hier fühlen sich Personen mit einer depressiven Episode noch mehr als Versager. Ich schlimmsten Fall kann man dadurch die Depression verstärken. Jeder zweite Erwachsene leidet enorm unter Belastungen, da ist es immer ratsam sich Hilfe zu holen. In der Familie ist man oft machtlos und sagt falsche Dinge. Die professionelle Hilfe hilft bei der Umsetzung sich wieder besser zu fühlen, herauszufinden, was einem hilft, sich wieder besser zu fühlen. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen.

Wie äußerst sich eine Depression?

Eine Depression hat viele Gesichter. Manche Menschen reagieren mit Rückzug, keine Kraft haben, lethargisch sein, andere wiederum reagieren psychosomatisch mit Bauch schmerzen, Kopfschmerzen, sexuelle Unlust, Gewichtsabnahme oder Gewichtszunahme, andere greifen zum Alkohol, bei anderen äußert sie sich in Aggression, Jähzorn, Streitsucht, Konzentrationsschwäche. Wie sie sehen kann eine Depression wirklich viele Gesichter haben. Sobald man sich verändert hat – für einen selbst oder auch für andere – dann sollten die Alarmglocken schrillen. Dann sollte man sich Hilfe holen. Man darf aber auch nicht aufgeben, wenn man nicht sofort einen Termin bekommt. Derzeit sind viele Psycholog:innen etc. ausgebucht. Trotzdem muss man dranbleiben und weitersuchen bis man Hilfe bekommt. Ziel ist es, den Menschen wieder die Kontrolle über ihr eigenes Leben, ihre Wünsche und Ziele zurückzugeben.

In der Zeit der Isolation flüchten sich viele Menschen in eine virtuelle Welt. Welche Gefahr bergen soziale Medien?

Diese Flucht in die virtuelle Welt war eine logische Konsequenz der Kontaktbeschränkungen. Jetzt ist wichtig das Draußen wieder attraktiver zu machen. Hier braucht es Medienkompetenz. Es sollte Orte und Zeiten geben, wo man offline ist – bewusst offline ist und sich in der realen Welt bewegt. Jugendliche muss man oft und wiederholt dazu einladen, ihnen Alternativen zur virtuellen Welt aufzeigen.

Welche Langzeitfolgen hat die Pandemie bei uns allen?

Diese Monate und Jahre bringen viele Langzeitfolgen mit sich. Das eingeschränkte soziale Leben trifft vor allem Kinder und Jugendliche. Sie waren gefangen im Elternhaus, zu einer Zeit, wo es nicht Usus ist. Wir sind alle soziale Wesen. Wir brauchen den Austausch miteinander. Das hat mit uns allen etwas gemacht. Bei dem einen hat es Ängste, Depression, Verzweiflung, Rückzug, Wut oder Aggression hinterlassen. Die Pandemie ist da, die Maßnahmen auch, wir können uns nur unsere kleinen Oasen schaffen. Unseren Blick auf das Positive richten. In seinem eigenen Rahmen das Beste draus machen, eine Vorfreudeliste machen. Bewusstmachen, was da ist, was ist da an Familie, Freunden, schönen Erlebnissen etc. Einfach das Schöne und Positive in den Fokus stellen. Und was noch ganz wichtig ist: Eine realistische Erwartungshaltung. Etwas nachsichtig mit sich selbst sein, Mut zur Lücke zu haben. Nichts und niemand ist perfekt. Gerade in derartigen Zeiten darf man die Erwartungen an sich selbst nicht zu hochschrauben. Auch wenn soziale Medien etwas anderes suggerieren. Man darf sich durch die virtuelle Welt nichts vorgaukeln lassen. Durch die Pandemie hat sich der Druck auf uns noch verschärft. Aber alles perfekt geht nicht!