Junge Frau mit Tochter im Homeoffice © epixproductions, stock.adobe.com
© epixproductions, stock.adobe.com
22.3.2022

Frauen und Arbeit in der Pandemie

Seit zwei Jahren hat das Coronavirus die Gesellschaft schwer im Griff. Die Pandemie hat nicht nur wie ein Brennglas auf ohnehin bestehende Ungleichheiten im gesellschaftlichen System gezeigt, sondern auch Fortschritte bei der Gleichstellung wieder zurückgeworfen. 


Frauen fallen in traditionelle Rollenbilder zurück

Die Studie „Offen Gesagt 2021“ im Auftrag von AK Wien, AMS Wien und dem WAFF untersucht die Auswirkungen der Pandemie auf Frauen am Arbeitsmarkt in Wien. Ziel ist, arbeitsmarktpolitische Handlungsoptionen abzuleiten, um den Rückzug von Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu verhindern. Die Studie gibt die Ergebnisse von Fokusgruppen und qualitativer Interviews wieder.

Die Ergebnisse zeigen klar, dass die Beschäftigungssituation massiv durch die Pandemie beeinflusst wurde. Frauen übernahmen verstärkt die Verantwortung für die Kinderbetreuung und fallen vermehrt in traditionelle Rollenbilder zurück.  Die Erwerbschancen für Frauen bleiben damit beschränkt, weil sie mehr Betreuungsarbeit leisten müssen. Eine passende und leistbare Kinderbetreuung ist ein Schlüsselfaktor für den Wiedereinstieg. Allerdings fehlen gute Jobs mit passenden Rahmenbedingungen, selbst dann, wenn Frauen zu Abstrichen bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz bereit sind.

Schwierige Arbeitsbedingungen und niedrige Einkommen

Hinzu kommen schwierige Arbeitsbedingungen und niedrige Einkommen in typischen Frauenbranchen. Besonders schwer haben es Frauen, die über geringe Netzwerke verfügen, dies betrifft vor allem zugewanderte Frauen oder Frauen, die Mindestsicherung beziehen. Speziell die finanzielle Situation von Alleinerzieherinnen ist häufig prekär, die damit einhergehende Perspektivenlosigkeit belastend. Dies alles hat sich durch Corona deutlich verstärkt.

„Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet und eine Zeit lang auch unser Familieneinkommen bestritten. Und jetzt war es für mich so, dass ich gekocht hab, geputzt hab, gewaschen hab, weil mein Mann musste ja das Geld verdienen, und ich musste mich um unseren Sohn kümmern, der ja normalerweise in der Schule ist, also auch noch die Lehrerin ersetzen. Das war fürs Selbstwertgefühl dann schon ziemlich schwierig, so fremdgesteuert zu sein und auch auf hausfrauliche Tätigkeiten heruntergestuft zu werden…“ - Studienteilnehmerin

Frauen aus alten Rollenbildern herausholen

Für die Arbeiterkammer belegen die Ergebnisse der Studie: Frauen hatten während der Pandemie eine größere Mehrbelastung zu tragen. Und auch jetzt haben sie es schwerer: Frauen sind weiterhin mit negativen Auswirkungen in der Eingliederung oder Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert.

Vor allem bei der Übernahme von Aufgaben im familiären Bereich haben Frauen eine hohe Flexibilität gezeigt, oft bis zur Selbstaufgabe, um den Herausforderungen der Krise gerecht zu werden.

Sehr viele Frauen sehen sich dadurch wieder in alte Rollenbilder gedrängt und finden nun enorme Hürden, um wieder in einem Beruf Fuß zu fassen. Eine gute und leistbare Kinderbetreuung ist dabei eine der Grundvoraussetzungen, um sich dem Arbeitsleben widmen zu können. Besonders schwierig ist, dass Unternehmen Frauen ohne Kinder bevorzugen, selbst dann, wenn sie schlechtere Bedingungen akzeptieren.

„Die Ergebnisse der Studie decken sich in weiten Teilen mit unseren Erfahrungen in der Beratung. Homeoffice, Homeschooling, Homecooking, Arbeitsdruck, Jobunsicherheit – das alles haben wir in unserer Beratung vielfach zu hören bekommen“, berichtet AK Präsidentin Renate Anderl.

Es habe auch große Unsicherheit gegeben, wie die Kinder gut betreut werden können, wenn die Sonderbetreuungszeit nicht greife. Anderl: „Es sind immer wir Frauen, die in Krisen drankommen, zurückstecken, verzichten. Und die Studie zeigt, dass Frauen auch im Nachgang der Krise weiterhin große Probleme haben. Ich will das nicht länger hinnehmen. Es kann nicht sein, dass sich diese Rollen wieder verhärten und Frauen dadurch auf dem Arbeitsmarkt Nachteile entstehen.“

Unsere Forderungen

  • einen besseren Zugang zu kostenlosen Kinderbetreuungseinrichtungen auch für arbeitssuchende Frauen.
  • Verbesserung bei der Lage der Arbeitszeit, z.B. geteilte Dienste, wie sie in der Reinigung, im Handel und in der Pflege üblich sind, sind oft nicht notwendig und dürfen nur als seltene Ausnahme eingeteilt werden
  • Verlässliche Dienstpläne, um Familien- und Berufsleben gut planen zu können
  • Bessere Karrierewege für Frauen mit Möglichkeiten zu beruflichen Weiterbildung
  • Diskriminierungsfreie Jobsuche für Frauen

Die Forderungen der AK entsprechen den Wünschen der Frauen im Hinblick auf bessere Rahmenbedingungen, darunter bessere Bezahlung in sogenannten Frauenberufen und Aufwertung von Frauenbranchen, mehr Unterstützung von Eltern, Müttern und Alleinerziehenden, Unterstützung zum Schutz vor häuslicher Gewalt, leichterer Zugang zu städtischen Kinderbetreuungseinrichtungen, mehr Betreuungsplätze, voller Zugang (Ganztagesplätze) auch für Arbeitsuchende sowie gute Schul- und Hortstrukturen.

„Es ist immer gut, wenn die Schulen- und Hort-Struktur gut organisiert ist, das ist ganz wichtig, die Versorgung des Kindes steht ganz oben. Wenn das Kind gut versorgt ist, dann kann man quasi selber auch in Ruhe seiner Berufstätigkeit nachgehen.“ - Studienteilnehmerin

AMS Wien: traditionelle Berufswahl von Frauen aufbrechen

„Die Studie zeigt, dass Corona die arbeitsmarktrelevanten Problematiken von Frauen noch verstärkt hat: Die Mehrfachbelastungen, denen Frauen ausgesetzt waren und sind, haben psychische Erkrankungen, Angststörungen, Burnout usw. verstärkt“, sagt Petra Draxl, Geschäftsführerin des AMS Wien. Zugleich habe eine Retraditionalisierung stattgefunden: Lockdowns, Homeoffice, Homeschooling habe vor allem die Frauen wieder stärker ans Haus gebunden.

„Überproportional stärker betroffen waren auch in diesem Fall Frauen mit Migrationshintergrund, besonders geringer Gebildete, die in traditionellen Rollenbildern leben. Durch ihre Isolation ist es für uns schwieriger geworden, sie zu erreichen. Ihr Informations-Defizit hat sich dadurch noch vergrößert“, berichtet Draxl. Durch Anpassung der Angebote konnte das AMS Wien vieles abfangen: Die weit verbreitete Angst vor einer Ansteckung beispielsweise durch „walk&talk“, ein Beratungsangebot, bei dem die Beratung der Frauen nicht in einem geschlossenen Raum, sondern im Rahmen eines „Arbeitsspaziergangs“ stattfindet. 

„Unsere Aufgabe ist darauf hinzuarbeiten, dass diese Problematiken nicht noch lange nach der Pandemie nachwirken. Das Aufbrechen der ‚traditionellen‘ Berufswahl von Frauen, durch die sie sich oft für die schlechter bezahlten Jobs entscheiden, ist dabei eines unserer wesentlichen Ziele, etwa durch das FIT-Programm (Frauen in Handwerk und Technik).“

Für 2022 hat das AMS Wien daher einen Schwerpunkt für Wiedereinsteiger_innen geplant: „Wir werden die Hebel an jenen Faktoren ansetzen, die derzeit eine rasche Wiedereingliederung ins Erwerbsleben erschweren. Was in diesem Zusammenhang dringend notwendig wäre: Kinderbetreuung und Kinderbildungseinrichtungen, die sich den Arbeitsrealitäten der Frauen anpassen. Denn die Zukunft der Arbeit wäre schon da, nur die Kinderbetreuung hinkt noch hinterher.“ 

„In der Karenz ist es mit Geld knapp, da hätte ich diese Kurse niemals besuchen können. Und das war aber super, man ist irgendwie so gestärkt in den Beruf wieder zurückgekehrt, weil man einfach gleich neue Referenzen hat vorweisen können, und das war wirklich ein tolles Angebot.“ - Studienteilnehmerin

waff: Weiterbildung als Hebel für mehr Gleichstellung in der Arbeitswelt

Die Studie zeigt, dass die Corona Pandemie und die mit ihr einhergehenden Maßnahmen der Gleichstellung von Frauen und Männern im Alltag und Beruf nicht förderlich war. Im Gegenteil, es ist aus verschiedenen familiären und äußeren Umständen vermehrt zu einer unfreiwilligen traditionellen Rollenaufteilung zwischen Frauen und Männern gekommen. Umso wichtiger sind Unterstützungen, um Frauen berufliche Gleichstellung auch durch Weiterbildung zu ermöglichen.

Monika Nigl, Leiterin des waff-Beratungszentrums für Beruf und Weiterbildung: „Neben Beruf und Familie eine Weiterbildung zu absolvieren ist nicht einfach und braucht gute Organisation und viel Energie, Zeit und Geld. Daher wollen wir Frauen auf ihrem Weg der Weiterbildung ermutigen und sie mit Förderungen auch ermöglichen. Diese konkrete Unterstützung schätzen Frauen. Sie führt zu neuen beruflichen Möglichkeiten und ist ein wichtiger Hebel für mehr Gleichstellung in der Arbeitswelt.“

Im Rahmen der Fokusgruppendiskussionen haben einige Frauen die Bedeutung von Information, Beratung und Förderung von Weiterbildung hervorgehoben. Allerdings ist eine Weiterbildung in der Pandemie alles andere als einfach, so der Tenor der befragten Frauen. Einerseits gibt es ein verstärktes Online Angebot der Weiterbildungsinstitute womit Wegzeiten wegfallen, andererseits haben viele Frauen mit Kindern zuhause nur eingeschränkte oder keine Möglichkeiten, in Ruhe eine Online-Weiterbildung zu absolvieren.

Der waff bietet über die Datenbank www.weiterbildung.at anbieterunabhängige Informationen an und berät Frauen, wie welche Weiterbildung in der jeweiligen Lebenssituation ermöglicht werden kann.

Der waff hat für Frauen spezifische Programme für Wiedereinsteigerinnen nach der Elternkarenz und zur Förderung von Weiterbildungskosten von bis zu 5.000 Euro. Zudem gibt es ein eigenes Programm von AK Wien und waff zur Förderung der digitalen Kompetenzen, das zu zwei Dritteln von Frauen in Anspruch genommen wird.

Auch Ein-Personen-UnternehmerInnen (EPU) erhalten seit einem Jahr eine Förderung des waff, wenn sie sich im Bereich der unternehmerischen Kompetenzen weiterbilden wollen. Aus der Studie geht hervor, wie wichtig die Förderung ist, denn viele Frauen könnten sich die Weiterbildungskurse oder die Abschlüsse von Ausbildungen ohne finanzielle Unterstützung des waff nicht leisten. 

Tipp

Informationen zu beruflicher Weiterbildung erhalten Interessierte beim waff - Beratungszentrum für Beruf und Weiterbildung unter +43 1 217 48 555 bzw. bbe@waff.at oder www.waff.at